Frage über die Beziehungen der Russisch-Orthodoxen Kirche zur politischen Führung des Landes

Die internationalen Medien sprechen oft davon, dass die Beziehungen der Russisch-Orthodoxen Kirche zur politischen Führung des Landes viel enger seien, als sie das sein sollten. Was denken Sie darüber? In welchem Rahmen sollten sich die Beziehungen jeder beliebigen Kirche mit der Regierung bewegen?

Das russische Volk hat, genau wie jedes andere Volk, das Recht, festzulegen, welche Prinzipien im Bereich der Beziehungen zwischen Staat und Kirche, wie auch in anderen Bereichen, zu gelten haben. Weisungen von wessen Seite auch immer sind hier sicherlich nicht angebracht.

Die Russisch-Orthodoxe Kirche ist nicht die Kirche der Russischen Föderation. Wir unterhalten Beziehungen zur politischen Führung aller Länder des kanonischen Gebiets unserer Kirche, führen den aktiven Dialog und pflegen die Zusammenarbeit mit den verschiedensten Regierungsebenen. Nicht zuletzt ist das der Kirche auch darin dienlich, Gottes Wahrheit sowohl vor den Menschen in den Regierungsorganen, als auch vor den Völkern der verschiedenen Länder zu bezeugen.

In Russland wie in anderen Ländern der kanonischen Verantwortlichkeit der Russisch-Orthodoxen Kirche gründen die wechselseitigen Beziehungen mit der Staatsmacht auf den Prinzipien des gegenseitigen Vertrauens und der Achtung. Dabei ist es völlig offensichtlich, dass die Kirche sich nicht in die Angelegenheiten der staatlichen Leitung eines Landes einmischt, wie auch der Staat sich nicht in die Angelegenheiten der Kirche einmischt. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Zusammenarbeit, die auf das Wohl der Menschen zielt.

In Russland befindet sich die Partnerschaft zwischen Kirche und Staat auf einem wesentlich niedrigeren Niveau als beispielsweise in Deutschland, wo der Staat im Namen der Kirche Steuern für selbige eintreibt, als in Frankreich, wo der Präsident die Bischöfe für Elsass-Lothringen ernennt, als in England, wo der Monarch gleichzeitig das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche ist, als in Griechenland, wo die Kirche eine Staatskirche ist, oder selbst als in den USA, wo der Präsident auf die Bibel eingeschworen wird, während in Russland der Präsident übrigens zu gleichen Zwecken die Verfassung nutzt.

Leider können sich viele politische und gesellschaftliche Akteure der Gegenwart nur sehr schwer erklären, aus welchem Grunde Russland eine Zeit des geistlichen Aufbruchs erlebt, der seinen Ausdruck in massenweisem Bau von Kirchen findet, die von Millionen von Gläubigen besucht werden, oder im Interesse an Religion und Kirche. Sie denken, dass dies aufgrund eines gewissen geheimen Bundes zwischen der kirchlichen und der staatlichen Bürokratie passiert. Doch das ist natürlich nicht so. Man kann niemanden zum Beten zwingen, deshalb ist die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in unserem Land das natürliche Ergebnis einer gesamtnationalen Entscheidung zugunsten der Wiedererrichtung der in der kommunistischen Zeit zerstörten gesellschaftlichen Identität Russlands.

In der Verwirklichung dieser Entscheidung des Volks sind Kirche und Staat Partner, die auf der Grundlage der gegenseitigen Unabhängigkeit voneinander und der Nichteinmischung in die Angelegenheiten des jeweils anderen Partners arbeiten.

 

Pressedienst des Patriarchen von Moskau und ganz Russland, 25. April 2013
Quelle: http://www.patriarchia.ru/db/text/2930157.html
Übersetzung: Roman Bannack