Ist die Kirche in Russland mit dem Staat zusammengewachst?

Eure Heiligkeit, einer der Punkte der Aggression besteht darin, dass die Kirche beschuldigt wird, mit dem Staat zusammenzuwachsen. Was würden Sie auf solche Anwürfe entgegnen?

Ich antworte mit nur einem Wort – das ist ein Mythos. Ein Mythos, der absichtlich geschaffen wurde. Wenn man die Kirche angreift, dann doch von einer weltanschaulichen Position, und diese weltanschauliche Position muss man sich erst schaffen. Und so wird heute der Mythos eines Zusammenwachsens zwischen Staat und Kirche und einer vermeintlichen Klerikalisierung unseres Lebens geschaffen. Wozu? Doch dazu, um zu zeigen, dass die Kirche durch ein solches Zusammenwachsen die Manipulation unseres Bewusstseins und unseres Willens beansprucht. Das sei eine gewisse Pseudo-Ideologie, die an die Stelle der kommunistischen Ideologie tritt. Hieraus zieht man den Schluss, dass die Kirche von freiheitlichem Gesichtspunkt gefährlich sei, dass sie das Bewusstsein versklavt.

Versuchen wir nun einmal, diese Mythen auseinanderzunehmen. Es geht also um ein Zusammenwachsen. Wir haben doch die Grundlagen der Sozialkonzeption der Russischen Kirche. Bevor die Journalisten ihren Mythos weiterverbreiten, sollten sie sich dieses Heftchen nehmen und einmal nachlesen, was dort zum Thema Beziehungen zwischen Kirche und Staat gesagt wird. Die Kirche verteidigt ihre Autonomie. Die Kirche ist der Meinung, dass nur eine freie Kirche die Möglichkeit besitzt, geistlich auf die Menschen einzuwirken und dass jegliches Zusammenwachsen, jegliche Klerikalisierung für die Predigt erzgefährlich sind. Das haben wir in der Zeit vor der Revolution bereits durchgemacht. Dort gab es ein Zusammenwachsen, das damals allerdings nicht von der Kirche, sondern vom Staat ausging, welcher die Kirche sozusagen okkupiert hatte. Kurzum, es gibt kein einziges Dokument, keine einzige Verlautbarung oder eine Erklärung des Patriarchen, auf Grundlage dessen man schließen könnte, es gäbe ein Zusammenwachsen.

Woher kommt das dann? Ich versuche es zu erklären. In den letzten zwanzig Jahren hat genau die Kirche, die man der Untätigkeit und Unfähigkeit beschuldigte, ihre Mission in der heutigen Welt wahrzunehmen, gute Ergebnisse bei der Erleuchtung unseres Vokes erreicht. Unser Volk wird langsam orthodox. Schon rein visuell haben wir heute in unseren Kirchen, zum Beispiel im Ostergottesdienst oder bei größeren Festtagen ein vollkommen anderes Volk. Das sind Menschen mittleren Alters, Männer und Frauen, auch mit Kindern auf den Armen, es sind Jugendliche, Kinder, ältere Menschen – das ist unser Volk.

Und nun versuchen wir einmal zu verstehen, wie sich ein gläubiger Politiker verhalten soll, der ein Mitglied der Orthodoxen Kirche ist, wenn er in einen Dialog mit der Kirche tritt. Soll er sich denn auf allerlei Weise von seinen eigenen Überzeugungen distanzieren? Nein, sondern er spricht mit der Kirche als deren Sohn. Er tritt in einen wohlwollenden Dialog mit der Kirche. Warum sollte man aus der Tatsache, dass der Präsident und der Premierminister ein oder zweimal im Jahr mit dem Patriarchen beten, den Schluss ziehen, hier gäbe es eine Verquickung? Weshalb sollten wir diese Menschen, die gläubige Menschen sind, des Rechts zu beten berauben, einschließlich des Rechts auf gemeinsames Gebet mit ihrem Patriarchen? Und dabei ist es schon allein dieses Bild, welches ungesunde Gefühle in denen hervorruft, die gegen eine stärkere Rolle der Kirche in der Gesellschaft sind.

Ein weiteres Bild, das uns von unseren Gegnern vorgehalten wird, um damit zu beweisen, dass es eine Verquickung gibt: der Patriarch in der Basis von Atom-U-Booten in Wiljutschinsk. Und was weiter? Warum zieht man keine Schlüsse über eine Verquickung von Kirche und Staat, wenn wir Kaplane in Afghanistan gezeigt bekommen? Warum fragt niemand nach einer Verquickung, wenn in den regulären Streitkräften fast aller europäischen Länder solche Kaplane professionell eingesetzt werden? Nach Wiljutschinsk ist der Patriarch gefahren, weil er von den Seeleuten der Marine eingeladen wurde, um ihnen Worte des Dankes zu sagen. Er kam zu seinen Gläubigen, denn der Großteil der Marinesoldaten sind gläubige Menschen. Was hat das mit einem Zusammenwachsen von Kirche und Staat zu tun? Das war, wenn Sie so wollen, ein pastoraler und missionarischer Besuch. Dem Volk wird aber ein Bild vorgehalten, zu dem man sagt: “Schaut nur, welch eine Verquickung von Kirche und Staat.”

Hier werden Dinge absichtlich falsch interpretiert. Das ist keine Verquickung, sondern eine Christianisierung unserer Gesellschaft, und das ist es, was unsere Gegner schreckt. Daher kommt also der Aufruhr. Es ist die Angst davor, dass die Orthodoxie, welche zu Sowjetzeiten praktisch vollständig zerstört worden war, innerhalb von 20 Jahren wieder in das Leben seines Volkes zurückkehren konnte. Sicherlich noch nicht so weit, wie wir uns das vielleicht wünschen, aber möglicherweise wird all dieser Trubel erzeugt, um uns Einhalt zu gebieten. Dazu will ich anmerken: das wird uns nicht aufhalten.